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Eine Taube, der Hof und das Maß der Verantwortung
Meine Frau sah das Netz zuerst. Ein Taubennetz im Innenhof hinter dem Büro, längst nicht mehr straff, an den Rändern ausgefranst, in der Mitte schlaff wie ein schlecht gewartetes Versprechen. Ich hatte es vorher gesehen, ohne es wirklich zu sehen; solche Dinge gehören zur Kulisse. Man geht an ihnen vorbei, wie man an Flecken in einer Wand vorbeigeht, die man irgendwann nicht mehr als Flecken erkennt, sondern als Wand.
In dem Netz hing eine Taube. Bereits tot. Kein Spektakel. Kein „Vorfall“, wie man das später nennen würde, wenn man ihn in eine Akte presste. Nur ein Körper, der in einer menschengemachten Vorrichtung stecken blieb. Die Art von Tod, die nicht aufrüttelt, sondern beschämt, weil sie leise geschieht.
Meine Frau war aufgebracht. Nicht hysterisch, nicht theatralisch – aufgebracht in jenem klaren Sinn, in dem Aufregung eine moralische Reaktion auf Nachlässigkeit ist. Für sie stand fest: melden. Sofort. Zuständigkeit finden. Jemanden in Bewegung setzen.
Ich stand daneben und spürte zuerst etwas anderes: eine träge Gleichgültigkeit, die sich als Vernunft tarnt. Eine Taube, sagte ein Teil von mir. Stadttauben. Alltägliches Elend. Man kennt die Sätze, mit denen man sich entlastet. „Ratten der Lüfte“ gehört dazu – ein Ausdruck, der wie eine hygienische Ausrede klingt und genau so funktioniert.
Trotzdem schrieb ich. Eine sachliche E-Mail an die Amtstierärztin. Eine Mitteilung an das Ordnungsamt. Nur Ort, Zustand, Hinweis. Ich erwartete eine ebenso sachliche Antwort, vielleicht ein Formular, vielleicht ein Hinweis auf Zuständigkeiten, vielleicht gar nichts.
Die Antwort kam schnell. Dank für den Hinweis. Prüfung angekündigt. Rückfrage nach dem Verantwortlichen. Und dann, beiläufig wie ein Nachsatz, der eigentlich keiner sein dürfte: Sollte sich künftig erneut ein Tier darin verfangen, solle man die Feuerwehr verständigen.
Dieser Satz tat etwas, das ich nicht erwartet hatte. Er hob den Vorgang aus dem Innenhof heraus und stellte ihn in einen größeren Raum. Plötzlich standen nicht mehr nur Netz und Taube vor mir, sondern eine ganze Kette: Einsatzfahrzeug, Personal, Zugang zum Gebäude, Leiter, Dachkante, Innenhof. Zeit. Organisation. Kosten.
Und sofort tauchte die Frage auf, die man in Deutschland gern unter der Maske der Vernunft stellt: Ist das verhältnismäßig?
Hier beginnt die Nachdenklichkeit, nicht beim Tier, sondern bei uns. Beim Maß, das wir anlegen. Beim Wert, den wir stillschweigend verteilen.
Eine Taube also. Feuerwehr. Öffentliches Geld. Aufwand. „Gerechtfertigt?“ – das Wort klingt kühl, aber es trifft den Nerv.
Die nächste Frage drängt sich geradezu auf: Hätte die Amtstierärztin denselben Satz geschrieben, wenn statt der Taube eine Ratte im Netz gehangen hätte?
Und noch schärfer: Wäre ein Feuerwehreinsatz für eine Ratte in unserem inneren Buchhaltungssystem überhaupt vorstellbar? Oder würde man dann plötzlich von Schädlingsbekämpfung sprechen, von Hygiene, von „selbst schuld“, von „soll die Natur das regeln“?
Man muss nicht sentimental werden, um zu merken, wie selektiv unsere Empathie arbeitet. Hund und Katze genießen einen fast staatsbürgerlichen Status. Man spricht von Familienmitgliedern. Man zahlt Versicherungen, Tierarztkosten, man teilt Sofas.
Die Taube sitzt auf dem Sims, ungefragt, ungeliebt, geduldet. Sie wird beschimpft, weggewedelt, als Dreckproduzent kategorisiert.
Die Ratte schließlich – ein Tier mit Mythologie. Trägerin von Pestphantasien, Projektionsfläche für Ekel. Ihr Blick allein reicht, um die Sympathieskala kippen zu lassen.
Und doch: biologisch betrachtet – ein Wirbeltier, leidensfähig, mit denselben grundlegenden Mechanismen von Schmerz, Angst, Erschöpfung. Das Gesetz folgt dieser Nüchternheit: nicht Niedlichkeit entscheidet, sondern Leidvermeidung. Der Wert ist nicht ästhetisch, sondern prinzipiell.
Damit verschiebt sich das Problem. Nicht „Taube gegen Kosten“. Sondern: eine menschengemachte Gefahrenquelle gegen die Behauptung, man könne bei kleinen Opfern großzügig wegsehen.
Denn das Netz hängt nicht zufällig dort. Jemand hat es angebracht. Jemand hat es geduldet. Jemand hat es nicht gewartet.
Der Tod im Netz wirkt dann nicht wie Natur, sondern wie das Ergebnis einer kleinen menschlichen Nachlässigkeit, die sich im Alltag gut verstecken kann.
Und trotzdem bleibt die Frage nach dem Maß legitim. Eine Stadt kann nicht jede Form von Elend mit maximalem Aufwand beantworten. Öffentliche Ressourcen sind endlich. Einsatzkräfte fehlen oft dort, wo sie wirklich gebraucht werden.
Nur: Wer legt fest, wo „wirklich“ beginnt?
Genau an dieser Stelle begegnen sich meine Frau und ich auf interessante Weise. Sie beginnt bei der unmittelbaren Pflicht: Ein Zustand darf nicht bleiben. Ein Tier darf nicht unnötig leiden. Punkt.
Ich beginne – beschämend genug – bei der Skala: Was ist klein? Was ist groß? Was ist „den Aufwand wert“?
Der Satz der Amtstierärztin zwang mich, diese Skala offen zu betrachten, statt sie als stilles Vorurteil mit mir herumzutragen.
Vielleicht liegt die eigentliche Grenze nicht zwischen Taube und Ratte, nicht zwischen Tierarten, nicht einmal zwischen „Haustier“ und „Ungeziefer“. Vielleicht liegt sie zwischen zwei Haltungen:
zwischen der Bereitschaft, Verantwortung auch dort ernst zu nehmen, wo kein Prestige winkt – und dem Wunsch, Moral nach Sympathie zu rationieren.
Seitdem hat der Innenhof eine andere Temperatur. Nicht, weil er sich verändert hätte. Sondern weil er etwas sichtbar gemacht hat, das sonst unter Routinen verschwindet: die Art, wie schnell wir Werte verteilen, sobald Kosten im Raum stehen.
Und nun, wenn der nächste Fall eintritt – wieder ein Tier, wieder ein Netz, wieder der Hinweis „Feuerwehr“ – welche Frage stellen wir zuerst?
Die nach dem Preis eines Einsatzes? Oder die nach dem Preis der Gleichgültigkeit?
Kontext: Stadttauben und Populationskontrolle
Ein aktueller Beitrag im Reddit-Forum r/mannheim beschreibt die Situation von Stadttauben als menschengemachtes Problem. Die Tiere gelten dort nicht als klassische Wildtiere, sondern als ehemalige Haustiere mit dauerhaftem Brutzwang, hoher Leidensbelastung und fehlender
Überlebensfähigkeit außerhalb urbaner Räume.
Als wirksame und tierschutzkonforme Maßnahme wird der kontrollierte Eiertaustausch vorgestellt. Dieser Ansatz wird vom Stadttaubenprojekt Rhein-Neckar ehrenamtlich umgesetzt.Zum vollständigen Reddit-Beitrag
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Ein lesenswerter, sehr gut geschriebener, philosophischer Text zum Mangel an Stringenz moralischer Haltungen! Ich erinnere an die Meldung: Fußball-WM in Marokko, rettet die Straßenhunde! Und am Abend legen wir uns das Schwein in Scheibenform aufs Brötchen.