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Die moralische Medaillenmaschine
Wie der BR aus Erinnerungspolitik ein Umerziehungsprogramm macht
Es gibt Jahre, in denen Journalismus Aufklärung betreibt. Und es gibt Jahre, in denen Journalismus erzieht. 2025 scheint Letzteres zu sein. Der Bayerische Rundfunk hat sich mit einer Inbrunst auf die nachträgliche „Säuberung“ der deutschen Filmgeschichte gestürzt, die man eher einem staatlichen Wahrheitsministerium als einem öffentlich-rechtlichen Sender zutrauen würde.
Der Anlass: Die SPIO entzieht posthum Ehrenmedaillen an Heinz Rühmann, Luggi Waldleitner, Olga Tschechowa und der unvermeidlichen Leni Riefenstahl. Und BR24 begleitet das mit dem apokalyptischen Timbre einer historischen Generalabrechnung.
Der Begriff „systemloyal“ fällt, als wäre damit bereits bewiesen, dass Rühmann morgens mit Goebbels gefrühstückt und abends mit Göring Theater gespielt hätte.
Was war das Verbrechen?
Rühmann – der Mann, der nicht einmal in die NSDAP eintrat – sei, so das Gutachten, „systemloyal“ gewesen. Ein Wort, das alles erklärt und nichts beweist. Ein Gummiband der Erinnerungspolitik, das man soweit ziehen kann, bis der gewünschte Klang entsteht.
Dass Rühmann seine geschiedene jüdische Frau im Exil weiter finanzierte, verschiebt die Redaktion elegant in die Fußnote der „Ambivalenzen“.
Denn wer in dieser Logik einmal „systemloyal“ war, bleibt verbrannt, egal was er sonst getan hat.
Das eigentliche Problem: die Rolle des BR
Der BR feiert diese Aberkennung nicht als das, was sie ist – ein politisches Signal eines Branchenverbands –, sondern inszeniert sie als moralische Notwendigkeit.
Zum Auftakt des Artikels: der heroische Satz des SPIO-Präsidenten über das „klare Zeichen gegen wiedererstarkenden Rechtsextremismus“.
Wozu das führt?
Zur Umwidmung historischer Differenzierung in identitätspolitische Säuberungsrituale.
Es ist nicht die Aufgabe von ÖRR-Redaktionen, historische Personen nachträglich für politische Pädagogik zu sortieren.
Das war nie ihr Auftrag.
Das hatten nicht einmal die amerikanischen Reeducation-Offiziere vor, obwohl sie jedes Recht dazu gehabt hätten.
Sie wollten einen funktionierenden Rundfunk, keinen moralischen Strafgerichtshof auf Sendung.
Doch ausgerechnet 2025 meint der BR, er müsse Geschichte neu gewichten.
Ein Journalist schreibt, als sei Rühmanns Fall ein Beweis für „NS-Privilegien“, nicht die tausendste Wiederholung dessen, was die Forschung seit Jahrzehnten kennt: Opportunismus ja, Parteikarriere nein. Mitläufertum, aber ohne ideologische Bindung.
Man könnte meinen, wir seien in einem Land, das seine Vergangenheit nie aufgearbeitet hat.
Stattdessen sind wir in einem Land, das seine Vergangenheit nicht ruhen lassen kann.
Die Logik der neuen Säuberung
Das IFZ-Gutachten arbeitet mit drei Kategorien:
„keine sicheren Aussagen“, „belastet“, „konform“.
40 Prozent der untersuchten Personen fallen in Kategorie 1.
Eine bemerkenswerte Erkenntnis: Die Hälfte der Geschichte bleibt grau.
Doch der BR braucht Schwarz und Weiß.
Er funktioniert – siehe Rühmann – nur, wenn die Grautöne ausgeblendet werden.
Die Redaktion übernimmt die Einstufung der SPIO, als sei sie das Ergebnis eines internationalen Tribunals.
Das Problem ist nicht das IFZ. Historiker dürfen prüfen.
Das Problem ist der BR.
Er nimmt das Ergebnis und verwandelt es in ein pädagogisches Theaterstück:
Wir, die Gerechten, verkünden euch die neue Liste der Reinen und der Unreinen.
Ein Geschichtsblick, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er die Gegenwart beruhigt.
Sogar in Bayern
Der Traditionssender aus dem Freistaat, jahrzehntelang ein Hort der gemäßigten Bürgerlichkeit, mutiert plötzlich zum didaktischen Kulturkampf-Kanal.
Ein Sender, der früher stolz auf seine Distanz zum Berliner Meinungsklima war, übernimmt jetzt dessen Tonlage: harte Kanten, moralische Ansprüche, wenig Faktenliebe, viel Gefühlspolitik.
Man könnte meinen, der BR sei eine Außenstelle des Berliner Kulturdezernats.
Und was bleibt?
Ein Fall Rühmann, der keiner ist.
Ein Gutachten, das differenziert – und eine Berichterstattung, die diese Differenzierung sofort wieder zunichtemacht.
Eine SPIO, die sich prophylaktisch reinwäscht.
Und ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der den Bildungsauftrag mit einem Umerziehungsauftrag verwechselt.
Heinz Rühmann hätte darüber vermutlich die Augenbrauen gehoben.
Wir sollten mehr tun:
Wir sollten den Rundfunk an seinen Auftrag erinnern –
und nicht an seine Ambitionen.





© Bildrechte: La Dernière Cartouche / LdLS
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Le JOUR POLITIQUE
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