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Strom, Wärme und der Ernstfall
Warum die Wärmepumpe ohne Resilienz zur politischen Illusion wird
Von Pierre Marchand
Berlin ist kein Sonderfall. Berlin ist ein Vorgeschmack.
Der mehrtägige Stromausfall in Teilen der Hauptstadt hat keine neue technische Wahrheit geschaffen, er hat lediglich sichtbar gemacht, was zuvor ignoriert wurde. Eine Energiepolitik, die auf Elektrifizierung setzt, ohne die Frage der Krisenfestigkeit mitzudenken, produziert kein nachhaltiges System, sondern eine fragile Ordnung, die nur im Normalbetrieb überzeugt.
Wärmepumpen sind effizient. Unter idealen Bedingungen. Sie sind klimatisch sinnvoll. Unter stabiler Stromversorgung. Doch genau diese Voraussetzungen sind es, die in Krisenlagen nicht garantiert sind. Und Krisen sind längst kein theoretisches Planspiel mehr.
Eine Wärmepumpe ist vollständig stromabhängig. Fällt der Strom aus, endet nicht nur der Heizbetrieb, sondern jede Form von Zirkulation, Steuerung und Frostschutz. Nach Stunden wird es kühl, nach Tagen kritisch, nach mehreren Tagen im Winter strukturell gefährlich. Besonders bei außen aufgestellten Monoblock-Systemen ist das kein Randproblem, sondern eine zwingende Folge physikalischer Prozesse. Wasser friert, dehnt sich aus, zerstört Bauteile. Nicht weil Technik versagt, sondern weil Strom fehlt.
In der öffentlichen Debatte wird dieses Risiko häufig emotional verkürzt, mit Begriffen wie Explosion oder Brand. Das greift zu kurz. Das eigentliche Problem ist nicht der spektakuläre Einzelfall, sondern der systemische Ausfall einer zentralen Versorgungsfunktion. Eine Heizung, die in der Krise nicht nur stillsteht, sondern beschädigt wird, ist kein temporäres Komfortproblem, sondern ein Infrastrukturrisiko.
Hinzu kommt ein zweiter, oft verdrängter Aspekt. Der Strom, der Wärmepumpen antreibt, fällt nicht vom Himmel. Er muss erzeugt werden, genau dann, wenn der Heizbedarf am höchsten ist. Im Winter, nachts, bei Dunkelflaute. In diesen Momenten stammt der sogenannte Grenzstrom in Deutschland fast immer aus steuerbaren Kraftwerken, überwiegend aus Gas. Die Wärmepumpe läuft dann faktisch mit fossiler Energie, nur über den Umweg des Stromnetzes.
Das ist effizienter als eine direkte Gasheizung, ja. Aber es ist nicht das grüne Idealbild, das in politischen Broschüren gezeichnet wird. Die Umweltbilanz einer Wärmepumpe entscheidet sich nicht im Jahresdurchschnitt, sondern im Moment ihres tatsächlichen Betriebs.
Wer eine solche Technologie massenhaft einführt, übernimmt Verantwortung. Wärme ist keine Lifestyle-Option, sondern existenziell. Sie muss auch dann verfügbar sein, wenn Netze gestört sind, wenn Anschläge, Sabotage, Extremwetter oder Systemfehler auftreten.
Eine verantwortliche Strategie hätte längst mehrere Ebenen umfassen müssen.
Erstens, Notstromfähigkeit als Standard. Nicht als exotische Zusatzlösung, sondern als integraler Bestandteil der Förderung. Ein reduzierter Notbetrieb, der Umwälzung, Steuerung und Frostschutz sicherstellt, erfordert keine gigantischen Leistungen. In vielen Fällen reichen wenige Kilowatt. Technisch ist das lösbar. Politisch wird es ignoriert.
Zweitens, dezentrale Versorgungsketten. Notstromaggregate benötigen Treibstoff. In urbanen Räumen und bei längeren Ausfällen wird genau das zum Engpass. Mobile Tankstellen, temporäre Versorgungsstationen für Diesel oder Benzin, sind keine militaristische Fantasie, sondern zivile Katastrophenvorsorge. Sie existieren für Baustellen, Großveranstaltungen und Hilfseinsätze. Für Wohnquartiere mit vollständig elektrifizierter Wärmeversorgung sind sie bislang nicht mitgedacht.
Drittens, steuerbare Kraftwerksreserven. Ein elektrifiziertes Heizsystem ohne gesicherte Grundlast ist instabil. Ob diese Reserve aus Gas, Kernenergie oder anderen Technologien stammt, ist eine politische Entscheidung. Dass sie existieren muss, ist eine technische Notwendigkeit. Große Batteriespeicher können Stunden überbrücken, vielleicht einen Tag. Sie ersetzen keine mehrtägige Versorgung im Winter.
Viertens, ehrliche Kommunikation. Die Bevölkerung muss wissen, was im Ernstfall abgesichert ist und was nicht. Wer suggeriert, dass alles automatisch funktioniert, verspielt Vertrauen. Vorsorge beginnt mit Klarheit, nicht mit Beruhigung.
Der Berliner Stromausfall war kein Argument gegen Wärmepumpen. Er war ein Argument gegen eine Politik, die Effizienz rechnet, aber Resilienz verdrängt. Ein System, das nur bei stabilem Netz und gutem Wetter funktioniert, ist kein robustes Versorgungssystem.
Die Wärmewende wird nicht an Technik scheitern. Sie scheitert, wenn sie den Ernstfall ausblendet.



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