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Normal 8
Auszug aus dem kommenden Roman von Christof Sperl
Mehr über Christof Sperl
Ein autobiographisches Debüt eines bisher nur gelegentlich literarisch in Erscheinung getretenen Autors mit internationaler Biografie und ungewöhnlichem beruflichen Werdegang.
Christof Sperl ist Autor, Romanist und Anglist. Er befasst sich mit Linguistik und der thailändischen Sprache.
In seinem in Arbeit befindlichen Roman Normal 8 verwebt er biografische Erlebnisse mit fiktiven Motiven – darunter auch eine Episode aus einer besonderen Pariser Buchhandlung in den späten Achtzigern. Es ist eine Zeitreise durch Sprache, Erinnerung und Buchverpackungsethik – komisch, politisch und fein beobachtend.
Jedes Kapitel kann unabhängig als eigene Kurzgeschichte gelesen werden, durch chronologische Anordnung ergeben die Kapitel im Gesamtzusammenhang eine größere, übergeordnete Erzählung.
Wir freuen uns, exklusiv einen ersten Auszug vorab zu präsentieren.
Packen
Der neue réceptionnaire macht sich gut. Zunächst hat er die Berufsbezeichnung mit der des réceptionniste verwechselt. Wir haben ihm den Unterschied wohlwollend erklärt. Man kann nicht alles wissen. Letzteren findet man in Hotels. Den Ersten in der Warenannahme. Ein kleiner Unterschied, der die Kenntnisse des Mitarbeiters weiter verfeinern wird. Der Mann war einfach in der Buchhandlung vorbeigekommen. Spontan, wie man so sagt. Ein junger Kerl mit Zeit an Vormittagen und Interesse an Zusatzjobs, nicht gerade hübsch, doch auch nicht unansehnlich. Es war ein Sommertag. Und er gerade mit dem Studium fertig. Ob wir schon vor dem Mittag Arbeit hätten. Natürlich hatten wir Arbeit. Verpacken geht immer. Der alte réceptionnaire hatte gerade erst gekündigt.
Der Neue geht nun auch mal ans Telefon, nimmt Bestellungen entgegen: Deutschlehrerinnen, die fragen, ob wir etwas von Klausmann im Laden hätten. Der réceptionnaire hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass die Schulglucken noch nach dreißig Jahren Unterricht nicht wissen, wo der Akzent zu sitzen hat. Auf Mann natürlich. Klaus Mann. Aber nicht auf Klaus. Es sei denn, ich wollte beispielsweise den Unterschied zwischen Thomas, Golo, Heinrich und eben dem Klaus als Relief herausarbeiten. Wer telefonisch einen Band von Klausmann oder Peterweiss bestellen will, wird vielleicht von Franzosen verstanden, die leidlich Deutsch beherrschen. Aber nicht vom Muttersprachler, der die Rhythmen unter seine eigene Lupe nimmt. Der ordnet die Bedeutung anders ein. Unser réceptionnaire steht an seinem langen Tisch. Ich sehe ihn nur von hinten. Morgens packt er erst mal Sendungen aus und bringt die unbrauchbaren, zerrissenen Kartons in den Container. Es sind sogar flattrige Pakete aus der DDR dabei, Büchersendungen aus dem Osten. Die erkennt man auf den ersten Blick an den zersplissenen Hanfseilen und dem dicken Packpapier. Der neue réceptionnaire, ich nenne ihn nun bei seinem Namen, Christof, kommt mittlerweile schon mit den Buchkatalogen klar. Manchmal schicken wir ihn um elf in den nächsten supermarché zum Essen holen. Später packt er nach der Pause die Bestellungen ein, die in die Provinz gehen. Täglich muss er mit dem Handkarren zum Bureau de Poste. Auch das Wiegen und Frankieren beherrscht er schon recht gut. Wir zahlen alle Verpackungs- und Versandkosten. Claude schreibt die Rechnungen, welche der Neue in die Pakete steckt. Hat er in der Assistancezentrale frei, kommt er auch am Nachmittag.
Meine Eltern mussten nach Paris auswandern. In Berlin war es schon vor dreiunddreißig lebensgefährlich geworden. Nach dem Krieg war Ruhe, aber wir sind geblieben. Die Nazis sind nicht totzukriegen. Jetzt fangen sie schon wieder von vorne an, ich sehe das immer in den Nachrichten. Im Westen hatten sie immer von der so genannten Vergangenheitsbewältigung gesprochen. Man hat sie dafür gelobt. Aber im Osten hatte alles ungestört weiter im Tiefschlaf gelegen und ist nun als bösartiges Dornröschen wieder aufgewacht. Die Buchhandlung befand sich zuerst im Quai des Orfèvres. Danach ist sie mehrfach umgezogen. Ich bin in Frankreich geboren. Literatentochter. Da lag der Buchhandel nahe. Zu Hause war Französisch streng verboten. Das Deutsche sollte gepflegt werden, so hatten es die Eltern angeordnet. Die Sprache der Nazis. Hatte das Deutsche diese Bezeichnung verdient? Sie haben das Geschäft vom alten Picard übernommen, der früher Pickert geheißen hatte. Picard klang für Franzosen unverdächtiger. Auch der hatte fliehen müssen. Nun sind wir in der rue de la Collégiale. Das Bureau de Poste ist zu Fuß erreichbar. Die Métrostation ist in der Nähe. Das sind Gegebenheiten, die vieles leichter machen.
Die meisten Bestellungen kommen schriftlich herein. Auch die nimmt der Neue an, und öffnet die Umschläge. Alle im Laden haben den Auftrag, umstrittene Titel zu melden. Johst, Zöberlein, Zerkaulen, wir bestellen auch antiquarisch. Deshalb müssen die Autorennamen laut vorgelesen werden. An der Wand hat sich Christof einen Zettel mit ihm noch unbekannten Namen befestigt. Den Jünger kannte er schon. Den kennt jeder. Der lebt immer noch. Schwer einzuordnen. Oszillierende Biografie wie bei so vielen. Beschützer und auch Wegbereiter, welcher der Bewegung dann doch recht früh gekündigt hat. Man kann das alles nachlesen. Jünger gehört für mich trotzdem nicht in Bücherregale.
An Verpackungsmaterial mangelt es uns nicht: Papier Kraft, Scotch, faseriges Superklebeband, Klebstofftuben, Plastikhüllen, Papiertaschen, unsere Werkzeugkiste ist stets gut gefüllt. Doch wenn ein Kunde aus Frankreich einen Zöberlein, oder zwei, drei problematische Bücher auf einmal bestellt, kommt Christof dran. Der muss dann richtig hart arbeiten. Klotzen. Körpereinsatz zeigen. Tout salaire mérite travail, wie man es sagt. Besagte Literatur schätzen wir in der Buchhandlung als ein so schützenswertes Kulturgut ein, dass sie hochwertig verpackt und gebannt werden muss. Die Reichsschrifttumskammer in Quarantäne, sozusagen. Der Band wird erst einmal in Plastik eingeschweißt. Nicht das dünne, sondern, das steife, dicke, gnadenlos unbiegsame, mit dem man sogar in Öl eingelegte Oliven verpacken könnte. Dann eine Lage Superklebeband. Kraft-Papier. Einen blauen Müllbeutel. Eine Lage Folie. Klebeband als Gitterstruktur aus Haftmittel und Gewebe, links, rechts, von oben nach unten. Dann noch mal Plastik, einen dritten Innenkarton, der Inhalt ist schließlich so preziös, Papier, Scotch, Karton. Und dann alles in die dicke Umverpackung mit Ladenlogo und Stempel. Da wächst so eine Kämpferschwarte schon mal zu einem immensen Colis heran, dessen Umfang denjenigen des Ursprungsbandes um das Zwanzigfache übersteigt. Zwanzig. Das ist unsere Zielvorgabe. Beim Packen geben wir verbale Unterstützung, machen Vorschläge für immer neue Formen und Materialschichten, die der réceptionnaire künstlerisch und handwerklich umsetzen muss. Sogar der Buchhalter kommt aus seinem Kabuff und gibt Tipps. Kosten spielen keine Rolle. Wir stehen um den Packtisch, fachsimpeln. Feuern an. Noch einen Karton, Christof! Schon bei den ersten Pappschichten stellen wir uns vergnügt vor, wie der höchstwahrscheinlich schon tatterige Kunde angestrengt zu überlegen beginnt, wie er all den Materialmüll entsorgen kann. Hoffentlich bestellt er dann nichts mehr. Wir wollen an solchen nichts verdienen. Das gebietet schon die Ethik. Leider mangelt es uns an Erhebungen zu Buchbestellungen. Wir arbeiten mit anekdotischer Evidenz. Die großen Pakete lagern wir auf dem Handkarren für größere Stabilität zuunterst. Manche passen gar nicht mehr in die Postsäcke hinein. Kommen mehrere Problempakete an einem Tag zustande, bekommt Christof von mir Begleitung. Ich lasse mich zeitlich nicht lumpen. Das Porto ist teuer. Es ist uns egal. Das zahlen wir gern und mit Stolz. Christof hat sich in der Buchhandlung verpackungstechnisch schon nach wenigen Tagen stark entwickelt. Wir sind sehr zufrieden mit ihm. Jede Problemsendung umhüllt er gewissenhaft, nahezu undurchdringlich vielschichtig, ohne Scheu vor Kosten.
Cristof Sperl
Dipl.-Romanist/ Anglist
Deutscher Frankoromanistenverband – FRV/AFRA
www.francoromanistes.de | smartstorys.at
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